Muss man verliebt sein, um Sex zu haben?
Muss man sein Gegenüber in- und auswendig kennen?
Und braucht es vorher stundenlange Gespräche, damit es überhaupt „funktioniert“?
Manche denken dann lieber: „Das ist doch alles viel zu kompliziert, dann lieber einfach schnell zur Sache kommen.“
Ich sehe das anders.
Guter Sex ist gar nicht so kompliziert, wenn man ein paar Grundpfeiler beachtet.
Aber er beginnt nicht beim Gegenüber, er beginnt bei dir selbst.
Was macht eigentlich guten Sex aus?
Für mich braucht guter Sex drei Dinge:
Sicherheit, Vertrauen und eine gewisse Verbundenheit.
Das heißt nicht, dass dafür eine Partnerschaft nötig ist.
Auch ein spontaner One-Night-Stand kann all das enthalten.
Entscheidend ist nicht der äußere Rahmen, sondern die innere Haltung.
Wer sich vornimmt, jemanden nur schnell „abzuhaken“, hat in der Regel selbst noch keine echte Verbundenheit zu sich selbst.
Wer diese Verbundenheit zu sich selbst besitzt, für den ist ein rein funktionales „Wegknallen“ gar keine attraktive Option mehr, da es sich einfach nicht mehr stimmig anfühlt..
Verbundenheit beginnt bei dir selbst
Wir sind von klein auf darauf geprägt, uns am Gegenüber zu orientieren.
Ein Baby kann ohne Bezugsperson nicht überleben und diese frühe Prägung, ständig nach außen zu schauen, tragen wir oft ein Leben lang mit uns, bis wir bewusst damit arbeiten.
Der erste Schritt zu guter Sexualität ist deshalb der Blick nach innen:
Wie stehe ich zu mir selbst?
Erst wenn ich diese Frage für mich beantwortet habe, kann ich mich wirklich auf ein Gegenüber einlassen.
Nach außen zeigt sich das als Begegnung, ein Moment, in dem eine Resonanz entsteht, auch ohne Verliebtheit.
Man kann jemandem im Supermarkt, im Kino oder irgendwo im Alltag begegnen und spürt: Da ist etwas.
Wenn diese Resonanz auf beiden Seiten evtl. auch sexuell ist, entsteht daraus bereits eine Form von Verbundenheit, auch ohne langes kennenlernen.
Der eigene Körper als Ausgangspunkt
Bewusstheit zu sich selbst bedeutet auch: den eigenen Körper zu kennen.
Wie fühlt er sich an, wenn ich nackt bin?
Wie reagiere ich auf Berührung, mit den Händen, mit Federn, mit einem weichen Kissen, mit Glaskristallen?
Wie sehen meine Genitalien aus und wie stehe ich dazu?
Das bedeutet nicht, dass man sich mit jedem Aspekt seines Körpers wohlfühlen „muss“.
Es geht um Bewusstheit, nicht um erzwungene Perfektion.
Wenn du zum Beispiel deine inneren Schamlippen als „zu lang“ empfindest, ist das erst einmal völlig in Ordnung solange du dir dessen bewusst bist und nicht dagegen ankämpfst.
Ich spreche hier bewusst nicht vom „Loslassen“ oder „Auflösen“, sondern vom Befrieden.
Alles, was zu deinem Körper und deiner Geschichte gehört, ist ein Teil von dir.
Wenn du es annimmst statt bekämpfst, kostet es dich keine Energie mehr.
Widerstand erzeugt immer Kampf, und Kampf verpufft als Energie, die dir sonst zur Verfügung stehen könnte.
Stimmungskiller – Kommunikation?
Das Gegenteil ist der Fall.Kommunikation macht Intimität nicht kaputt , sie vertieft sie.
Wenn du eine Unsicherheit über deinen Körper hast, etwa bezüglich deiner Vulva und sie unausgesprochen lässt, wirst du automatisch zurückhaltender, reservierter, weniger frei.
Sprichst du sie dagegen offen an („Hey, ich fühle mich mit diesem Teil meines Körpers nicht ganz wohl“), gibt das deinem Gegenüber die Möglichkeit, darauf einzugehen und dir die Unsicherheit zu nehmen.
Ein wirklich präsentes Gegenüber wird genau das tun.
Das Gleiche gilt für Tagesform und Kopfkino:
Hattest du einen stressigen Tag und bist gedanklich nicht ganz bei der Sache, merkt dein Körper das, bei Frauen wie bei Männern.
Diese Unsicherheit überträgt sich wie ein Spiegel auf dein Gegenüber, besonders über die Herzebene, unsere intuitive Wahrnehmungsebene.
Sagst du es einfach offen („Ich bin gerade total in meinem Kopf, weil ich einen anstrengenden Tag hatte“), entsteht dadurch nicht weniger, sondern mehr Vertrauen und mehr Vertrauen bedeutet intensivere Intimität.
Hingabe und Halten – ein Wechselspiel
Guter Sex lebt von einem Gleichgewicht zwischen zwei Polen: Hingabe und Halten.
Ein Part gibt sich mehr hin, der andere trägt mehr und das wechselt sich im Idealfall immer wieder ab.
Je bewusster man in diesem Prozess ist, desto klarer spürt man, wann man selbst gerade hingebend und wann man gerade haltend ist.
Genau dieses Bewusstsein macht einen wesentlichen Teil erfüllter Sexualität aus.
Präsenz statt Hollywood-Romantik
Wir alle tragen ein inneres Bild von Leidenschaft mit uns herum: das spontane Übereinanderherfallen, das blinde Verstehen ohne Worte, das Verschmelzen mit dem anderen.
Diese Bilder kommen aus Filmen und Medien mit echter, intensiver Intimität haben sie aber wenig zu tun.
Wirkliche Intimität entsteht durch Präsenz:
den Mut, die eigene Unsicherheit im Moment offen zu teilen, statt sie zu verstecken.
Genau das ist selten und genau das macht eine Begegnung besonders.
Es braucht dafür keine perfekte Choreografie, sondern echte Anwesenheit.
Übrigens lohnt sich auch ein Blick auf das Wort „Leidenschaft“ selbst: Es steckt das Leid darin.
Wenn Anziehung dazu führt, dass wir uns im anderen verlieren, statt ihn wirklich zu sehen, entsteht genau dieses Leid.
Es geht in der Sexualität nicht darum, sich zu verlieren, sondern darum, sich und den anderen zu sehen.
Es sind Prozesse, keine Checklisten
All das lässt sich nicht an einem Tag „abarbeiten“.
Körperbewusstsein, Kommunikation, Präsenz.
Das sind Prozesse, an die man sich Schritt für Schritt heranarbeitet. Im eigenen Tempo.
Nicht für den Partner, nicht für gesellschaftliche Erwartungen, sondern für dich.
Und dazu gehört auch Verantwortung:
Wer intim mit jemandem wird, übernimmt auch ein Stück Verantwortung für diesen Menschen.
Wer sich nie mit sich selbst beschäftigt hat, sieht sein Gegenüber oft gar nicht wirklich und Sexualität wird schnell zum reinen Erreichen eines Ziels.
Aber wie bei jedem Ziel: Ist es erreicht, kommt sofort das nächste.
Sexualität als Prozess statt als Zielerreichung zu verstehen, nimmt Druck heraus.
Ein Wort an Eltern: Aufklärung ist eine bleibende Aufgabe
Zum Schluss noch ein Gedanke, der mir wichtig ist.
Kinder und Jugendliche holen sich ihr Bild von Sexualität heute sehr früh und sehr leicht über frei zugängliche Inhalte im Internet, die mit der Realität wenig zu tun haben.
Aufklärung ist Elternaufgabe. Nicht Aufgabe der Schule und sie ist kein einmaliges Gespräch, das man mit acht oder zehn Jahren „abhakt“.
Es lohnt sich, immer wieder das Gespräch zu suchen, auch wenn es unangenehm ist.
Kinder gehen selten aktiv auf ihre Eltern zu, aus Scham oder Angst vor Konsequenzen.
Deshalb liegt es an den Eltern, immer wieder feinfühlig nachzufragen und dabei auch zu zeigen: Ich bin ansprechbar, ich bin präsent, du kannst mit allem zu mir kommen.
Wer sich mit solchen Gesprächen schwertut, kann sie vorher mit einer vertrauten Person üben.
Genau wie man auch andere Aspekte von Sexualität, etwa den Umgang mit Verhütung, im Vorfeld üben kann, um sich selber Sicherheit zu holen.


