Ein Blick auf Neurobiologie, Astrologie und TCM
Sadismus ist eines der am meisten missverstandenen Themen im Bereich der Sexualität – und gleichzeitig eines der schambehaftetsten. Dabei lohnt sich ein genauerer Blick: Denn zwischen destruktivem Machtmissbrauch und bewusst gelebter Dominanz-Unterwerfungs-Dynamik liegt ein entscheidender Unterschied, der viel über Vertrauen, Selbstwert und unsere eigene innere Landschaft verrät.
Drei Formen von Sadismus
Bevor wir werten, lohnt sich eine Unterscheidung. Ich sehe drei unterschiedliche Ausprägungen:
Der sexuelle Sadismus
beschreibt die klinische Form, bei der das Zufügen von Schmerz notwendig ist, damit die ausführende Person überhaupt sexuelle Erregung empfindet.
Der Alltags- oder Charaktersadismus
ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich oft subtil zeigt – in verletzenden Kommentaren, im bewussten Bloßstellen oder Quälen schwächerer Menschen. Hier empfindet die ausübende Person Lust an der Machtausübung selbst, unabhängig vom sexuellen Kontext.
Der Sadismus im BDSM-Kontext
unterscheidet sich fundamental von den beiden anderen Formen durch ein zentrales Element: die Einwilligung zwischen Erwachsenen. Hier ist Schmerz Teil eines Spiels, getragen von Vertrauen und Respekt – kein Akt realer Zerstörung.
Was im Körper passiert
Neurobiologisch betrachtet aktiviert Schmerz unser körpereigenes Opioidsystem: Endorphine, Dopamin und Oxytocin werden ausgeschüttet. So kann Schmerz durchaus als lustvoll empfunden werden.
Beim Alltagssadismus liegt die Motivation jedoch woanders. Sie speist sich nicht aus dem Schmerzreiz selbst, sondern aus einem tief verwurzelten Verteidigungsmechanismus gegen eigene Minderwertigkeitsgefühle. Wer andere kontrolliert, erlebt sich selbst als mächtig – ein Muster, das erstaunlich viel mit Suchtdynamiken gemeinsam hat: Man ist bereit, einen hohen Preis zu zahlen, um am Ende die ersehnte "Belohnung" zu bekommen.
Unsere Muster – und warum Bewusstsein zählt
In jedem von uns stecken Anteile von Licht und Schatten. Es ist unser freier Wille, der entscheidet, ob wir unsere Veranlagungen konstruktiv oder destruktiv leben. Manche Muster sitzen dabei so tief wie eine Autobahn in uns – bequem befahrbar, weil sie sich über Jahre bewährt haben. Gerade in Krisenzeiten, wenn viel Vertrautes wegbricht, neigen wir dazu, genau auf diese alten Bahnen zurückzugreifen.
Deshalb ist die immer wiederkehrende Arbeit an unserem inneren Fundament so entscheidend: Wer seine eigenen Werte kennt und lebt, kann keinen anderen Menschen entmenschlichen. Werte sind uns von Geburt an mitgegeben – wir müssen sie nicht erarbeiten, sondern lediglich (wieder-)erkennen.
Dieses Prinzip zeigt sich übrigens auch auf gesellschaftlicher Ebene: In Kriegssituationen oder totalitären Strukturen sinkt die Hemmschwelle gegenüber Grausamkeit, und Sadismus kann sogar sozial legitimiert werden – als scheinbar notwendiges Mittel zur Kontrolle. Das macht deutlich, wie entscheidend unser individuelles Wertefundament ist, gerade wenn die äußeren Rahmenbedingungen ins Wanken geraten.
BDSM: Kontrolle abgeben als Liebeskunst
Im BDSM-Kontext zeigt sich eine ganz andere Dynamik. Die Sub-Person wählt die Kontrollabgabe bewusst – eine Entscheidung, die entspannend wirken kann, bindungsstiftend und vertrauensbildend. Die dominante Person erhält im Gegenzug die Erlaubnis, Macht auszuüben – verbunden mit einem enormen Vertrauensvorschuss.
Diese Form der Machtausübung kann nur gelingen, wenn beide Seiten sich selbst und den anderen mit Respekt und Würde begegnen. Es ist, im wahrsten Sinne, eine hohe Liebeskunst.
Der destruktive Schatten der Lilith
Astrologisch betrachtet lässt sich der destruktive Sadismus mit der "dämonischen" Seite der Lilith verbinden: Lilith will gelebt werden – wie, ist ihr im Grunde egal. Wird sie ohne Bewusstsein für die eigenen Werte gelebt, bleibt sie destruktiv. Interessanterweise zeigen Studien, dass sadistische Taten die Täter langfristig nicht zufriedener machen – im Gegenteil, sie fühlen sich danach oft noch unbefriedigter als zuvor. Der Schaden trifft am Ende also auch die eigene Seele.
Die TCM-Perspektive:
Leber, Holz und der regulierende Atem
In der Traditionellen Chinesischen Medizin gehört Sadismus zum Leberfunktionskreis. Die Leber steht für Wut, Zorn und Frust und ist dem Element Holz zugeordnet – unserer Lebensenergie, unserem Chi.
Wird Wut unterdrückt statt reguliert, entsteht eine Leber-Yang-Stagnation. Im BDSM-Kontext zeigt sich das Element Holz meist in Fülle: Beim Sub eher als Reizbarkeit oder Melancholie, beim Dom als Kontrolle, Macht und Zorn.
Reguliert wird Holz durch das Element Metall – und Metall wird über den Atem aktiviert. Deshalb ist bewusstes Atmen im BDSM so entscheidend: Es hält die Holzenergie im Fluss, verhindert ein Entgleisen in unkontrollierte Fülle und schärft gleichzeitig die Wahrnehmung für die eigenen Grenzen und die des Gegenübers. Auch Tränen und das Zulassen von Trauer – ebenfalls dem Element Metall zugeordnet – können hier eine sehr heilsame Regulationsfunktion übernehmen.
Fazit
Ob Schmerz als Zerstörung oder als bewusst gelebte, verbindende Erfahrung wirkt, entscheidet sich nicht am Akt selbst, sondern an Bewusstsein, Konsens und Respekt. Wer sich selbst kennt, seine Muster erkennt und seine Werte lebt, kann Kraft konstruktiv einsetzen – ob im Alltag, in der Partnerschaft oder im bewussten Spiel von Macht und Hingabe.


