Lustlosigkeit: Was steckt wirklich dahinter?

25. Juli 2026

Lustlosigkeit ist eines der Themen, über die kaum offen gesprochen wird, dabei betrifft es fast jede Partnerschaft irgendwann. Die gute Nachricht vorweg: Es gibt keine Norm dafür, wie viel oder wie wenig Lust „richtig" ist. Es gibt nur dein eigenes Empfinden und die Frage, was es beeinflusst.

Gas und Bremse: Das Modell von Emily Nagoski

Ein zentrales Konzept, um Lust zu verstehen, ist das Dual-Control-Modell von Emily Nagoski (bekannt aus ihrem Buch „Komm wie du willst"). Es beschreibt zwei Systeme:

- Das Gaspedal – das Erregungssystem, das auf sexuell relevante Reize anspringt
- Die Bremse – das System, das hemmt, sobald Gründe gegen Erregung sprechen

Viele Frauen haben eine besonders sensible Bremse und das ist nachvollziehbar: Bei Frauen spielt Sicherheit eine zentrale Rolle. Fühlt sich eine Frau sicher, bleibt die Bremse eher gelöst. Fehlt dieses Sicherheitsgefühl, sei es durch Stress, ein weinendes Kind im Nebenzimmer oder ungeklärte Konflikte, kann die Bremse schnell getreten werden.

Der entscheidende Denkfehler ist oft: Man sucht nach dem „besseren Gaspedal", anstatt zu fragen, "was eigentlich die Bremse betätigt". Das ist so, als würde man mit angezogener Handbremse Gas geben wollen.

Spontanes und responsives Verlangen

Nicht jede Lust entsteht spontan „aus dem Nichts". Viel häufiger ist das responsives (reaktives) Verlangen, es entsteht erst durch Nähe, Berührung, erotische Reize oder die bewusste Entscheidung, sich darauf einzulassen. Wer auf spontanes Verlangen wartet, wartet oft vergeblich und empfindet sich fälschlicherweise als nicht lustvoll.

Körperliche und psychische Ursachen

Zu den körperlichen Faktoren zählen unter anderem:

- Hormone & Hormonelle Verhütung (Pille)
- Schwangerschaft und Wechseljahre
- Medikamente

Psychisch spielen vor allem eine Rolle:

- Stress – wer nur im Kopf ist, spürt nicht seinen Körper
- Angst und Hemmungen – kann ich mich dem Partner/der Partnerin wirklich zeigen?
- Geringes Selbstwertgefühl und negatives Körperbild: wer während der Intimität gedanklich woanders ist, kann nicht frei atmen, sich nicht fallen lassen, und die Energie kann nicht fließen

Beziehung, Kommunikation und der Smartphone-Faktor

Ein großer Lustkiller sind ungelöste Konflikte und das Gefühl, emotional nicht abgeholt zu werden. Hier hilft nur ehrliche, liebevolle Kommunikation. Das eigene Ego zurückzustellen und wirklich zuzuhören. Das ist eine Übungssache, die die wenigsten gelernt haben.

Ein oft unterschätzter Intimitätskiller: das Smartphone. Beim gemeinsamen Kuscheln auf der Couch entsteht Nähe, bis das Handy dazukommt. Der ständige gedankliche „Dünnschiss" aus Nachrichten, Reizen und Informationen sorgt dafür, dass keine mentale Kapazität mehr für lustvolle Präsenz bleibt. Ein einfacher Reset: bewusster Blickkontakt, ganz ohne Ablenkung und darüber sprechen, was dabei auftaucht.

Wenn Erregung da ist, aber keine Lust

Ein besonders unterschätztes und schambehaftetes Thema: Erregung und Lust sind nicht dasselbe. Man kann Lust ohne Erregung empfinden und umgekehrt, Erregung ohne Lust.

Das betrifft besonders Menschen mit sexuellen Traumaerfahrungen. Der Körper kann auf bestimmte Reize mit Erregung reagieren, ohne dass Lust dabei ist, teilweise sogar begleitet von Ekel oder der Erinnerung an das Trauma selbst. Das führt oft zu zusätzlicher Scham, weil sowohl die betroffene Person als auch das Gegenüber annehmen: Erregung bedeutet automatisch Lust. Das stimmt nicht.

Wichtig ist deshalb: Nachfragen statt annehmen. „Ich merke, du bist erregt, hast du auch Lust?" Dies ist keine unangenehme Frage, sondern ein Zeichen von Respekt.

Ein Trauma bleibt nie nur eine Erinnerung im Kopf.

Es setzt sich fest – geistig, emotional, im Körper und auch in dem, was ich gerne unsere Urenergie oder Lebenskraft nenne. Genau diese Energie ist es ja auch, die unsere Sexualität trägt. Deshalb wirkt ein Trauma auch immer mit hinein, auch wenn wir es lieber nicht sehen wollen.

Wo Licht ist, ist auch Schatten.
Ein Trauma gehört zu diesen Schattenseiten, die am liebsten im Unterbewusstsein bleiben. Aber verdrängen lässt sich nur so lange, bis es sich doch wieder zeigt.
Meistens, wo wir es am wenigsten erwarten, in unserer Intimität.
Es geht nicht darum, alles ständig aufzuwühlen. Aber diese Erfahrungen gehören zu uns, sie sind ein Teil unserer Geschichte und erst wenn wir uns erlauben, den Schatten überhaupt wahrzunehmen, können wir liebevoll damit umgehen. Nur was uns bewusst ist, können wir auch wirklich halten und verwandeln.
Wie lange dieser Weg dauert, ist von Mensch zu Mensch verschieden und das darf so sein. Lass dich nicht davon leiten, was andere für angemessen halten oder wie schnell „man das eigentlich hinter sich haben sollte".
Vertrau lieber dem, was sich für dich richtig anfühlt.

Gesellschaftlicher Druck und Vergleich

Leistungsdruck, Rollenbilder („der Mann muss immer können", „Frauen bekommen durch Penetration keinen Orgasmus"), Vergleiche über Social Media und Pornografie. All das prägt unser Verständnis von „normaler" Sexualität, obwohl es meist völlig unrealistisch ist. Offene, wiederkehrende Gespräche über die eigene Sexualität, auch in langjährigen Partnerschaften, sind der Schlüssel, um sich von diesen äußeren Normen zu lösen.

Fazit

Lustlosigkeit ist kein Defekt, sondern ein Signal. Es lohnt sich, nicht nach dem „besseren Gaspedal" zu suchen, sondern ehrlich hinzuschauen: Was betätigt gerade meine Bremse? Ob Stress, ungelöste Konflikte, das Smartphone oder ein altes Trauma. Erst wenn wir hinschauen, kann sich etwas verändern.

Dieser Beitrag basiert auf einer Folge meines Podcasts
"Lilith und der kleine Tod". Die vollständige Episode findest du unter anderem auf Spotify & YouTube

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