Wie oft erbringe ich eigentlich eine Leistung für einen anderen Menschen, die ich für mich selbst nie erbringen würde?
Männer erbringen Leistung oft für ihre eigene Selbstbestätigung, während Frauen eher dazu tendieren, sie zu erbringen, um dem Gegenüber zu gefallen.
Am Ende, so paradox das klingt, ist beides eine Form von Selbstbestätigung.
Wenn ich etwas für mein Gegenüber tue, bestätigt mich das ja trotzdem selbst.
Die feinen Unterschiede liegen woanders, aber sie sind es wert, dass wir genauer hinschauen.
Wie wir mit einem Nein umgehen – dem eigenen und dem des anderen.
Nicht nur in der Sexualität, auch in der Selbstarbeit.
Denn wie oft ist es so, dass wir für andere eine Leistung erbringen, für die wir bei uns selbst niemals ein Ja finden würden?
Stellen wir uns die Situation ganz konkret vor:
Zwei Menschen in einer Intimität, der eine wünscht sich etwas, der andere möchte es in diesem Moment nicht.
Das Erste, das uns dabei klar sein muss, ist: Hier gibt es keinen Diskussionsspielraum.
Wenn ich das weiß, weiß ich auch, dass es hier nicht um meine Bedürfnisse geht und nicht um eine Kompromissfindung.
Ein Nein braucht zuerst einmal, dass hinhören.
„Ich höre dich.“ Und im nächsten Schritt: „Ich nehme es an.“
Wenn wir ein Nein nicht annehmen, sondern in die Diskussion gehen, überschreiten wir die Grenze des anderen.
Wir versuchen sie zu verschieben, flexibel zu machen.
Und genau das soll nicht sein.
Also: Ich höre hin. Ich nehme an. Und dann kommt die eigentlich entscheidende dritte Frage: Nehme ich es wirklich an?
Dieses „wirklich“ führt noch einmal tiefer, lässt uns noch einmal bewusster bei uns selbst hinschauen.
Was kommt da hoch,
wenn ich mich frage, ob ich das Nein wirklich akzeptieren kann?
Ich kenne diese Gedanken, die sich dann oft leise einschleichen.
Warum ist das Nein gerade jetzt da? Ich möchte doch verstehen.
Ich möchte doch einen Kompromiss.
Meine Bedürfnisse sollen doch auch erfüllt werden.
Ich verschiebe meine Grenzen doch auch manchmal, ich vertraue dem anderen Menschen doch.
Warum macht der Andere das dann nicht genauso bei mir?
Will er mir keine Freude machen? Und dann, noch tiefer: Liebt der andere Mensch mich denn nicht so, wie ich ihn liebe?
Diese Gedanken tun weh und ich finde, es lohnt sich, genau bei diesem Schmerz zu bleiben, statt ihn wegzuschieben.
Akzeptieren und Respektieren
mit all seinen Grenzen, seinen Werten, seinen Verletzungen.
Jeder Mensch trägt seine Geschichte mit sich, sein ganzes Leben lang.
Das, was gestern war, gehört zu dieser Geschichte und ich trage sie mit, wenn ich mit diesem Menschen in Partnerschaft bin.
Manchmal kommt in diesem Prozess auch der Gedanke hoch: Aber mir ist es doch auch wichtig, und wenn es mir wichtig ist, sollte es doch auch meinem Gegenüber wichtig sein.
Diesen Gedanken darf man ruhig weiterverfolgen, wenn er da ist.
Warum ist es mir wichtig? Ist es ein Wert? Ein Prinzip? Eine Verletzung, die in mir liegt?
Und würde ich mich, wenn mein Gegenüber seine Grenze verschieben würde, wirklich besser fühlen?
Oder schiebe ich damit nur mein eigenes Bedürfnis nach Befriedigung auf die andere Person ab?
Darf das Nein sein? Hat es eine Daseinsberechtigung bei mir?
Kein 3 Minutenakt
Das alles sind Prozesse, die nicht in Minuten geschehen.
Wir dürfen nicht den Fehler machen zu glauben, dass ein dreißigminütiger Podcast dieselbe Zeit braucht wie die reale Verarbeitung.
Manche Dinge brauchen einfach länger. Wenn in einer intimen Situation ein Nein auftaucht, machen wir diesen ganzen inneren Prozess nicht in drei Minuten durch.
Wir gehen aus der Situation heraus, reflektieren, und irgendwann kommunizieren wir das, was wir gefunden haben.
Und da sind wir wieder bei der ehrlichen Kommunikation – mit dem Gegenüber, aber genauso mit uns selbst.
Ein Nein beim Gegenüber äußert sich oft in Sekundenschnelle auf der Herzebene, aber es kann eine ganze Weile dauern, bis es in Worte gefasst werden kann.
Manchmal zeigt es sich sogar erst im Nachhinein.
Genau deshalb finde ich es so wichtig, gerade nach intimen Momenten noch einmal ehrlich nachzuspüren und zu kommunizieren, was vielleicht nicht stimmig war.
Das muss keine große Grenzüberschreitung sein. Es kann auch eine Kleinigkeit sein, ein Moment, in dem sich jemand innerlich verschlossen hat, ohne dass es sich körperlich zeigt.
Bei einer Frau kann sich das als Schmerz äußern, aber genauso kann sich einfach das Herz verschließen.
Auch Männer nehmen solche Subtilitäten sehr genau wahr, nur eben auf anderen Ebenen, und ihnen fehlt oft die gelernte Sprache dafür.
Trotzdem merken sie meist sehr schnell, wenn sich ihr Herz in einem Moment ein Stück weiter verschließt.
Wenn wir nach der Intimität in eine ehrliche Kommunikation gehen, uns gegenseitig fragen, aber auch für uns selbst aufschreiben und reflektieren, kommen wir an einen Punkt, der mich immer wieder berührt:
die Frage, ob ich mich selbst höre?
Stell dir vor, jemand merkt in der Intimität, dass sich sein Herz kurz verschlossen hat, geht aber in dem Moment darüber hinweg.
Erst danach, in der Reflexion, taucht der Gedanke auf: Moment, da war doch etwas.
Und dann kommt die Frage:
Habe ich mich selbst gehört? In diesem Moment war die Antwort, ein „Nein“! Die Bewusstheit war einfach noch nicht da.
Und von hier aus geht der Prozess weiter, ganz genauso wie beim Gegenüber, nur nach innen gerichtet.
Nehme ich mich an?
Nehme ich mich wirklich an?
Vertraue ich mir selbst nicht?
Das ist übrigens eine Frage, die ich unglaublich spannend findet:
Vertraust du mir nicht, dass du das jetzt nicht mit mir machen möchtest, sondern: Vertraue ich mir selbst nicht?
Begrenze ich mich selbst, und wenn ja, warum?
Ist es ein Wert, den ich vertrete, oder eine Verletzung?
Auch aus Verletzungen entstehen Werte, und auch das hat seine Daseinsberechtigung.
Fazit
All das sind Prozesse, die wiederkehrende Zeitblöcke benötigen, in denen man sich diese Fragen stellt.
Nicht als Pflichtübung, sondern als eine Form von Anerkennung sich selbst gegenüber, für die Arbeit, die man an sich leistet.
Und ja, auch das ist eine Leistungsbereitschaft.
Die Frage ist nur: Bin ich bereit, sie für mich selbst zu erbringen?
Ich halte diese Fragen für essentiell, nicht nur für Sexualpartnerschaften, sondern für jede Beziehung, die uns wichtig ist. Auch zu uns Selbst!
Sie machen uns liebevoller, zarter, sinnlicher. Es ist ein Weg, den wir immer wieder gehen, um uns selbst bewusster zu werden.
Geh in diese Tiefe, schau dorthin, denn genau dort kann Lebendigkeit entstehen.
Und wenn diese Lebendigkeit da ist, bleibt am Ende vielleicht nur noch eine Frage übrig:
Sehe ich mich wirklich? Sehe ich mich und sehe ich dich? Ich glaube, genau dort beginnt wahre Liebe.


