Grenzerfahrungen und Sexualität

24. April 2026

Tiefe Wunden formen deine Schöpferkraft

Kennst du das, dass du dich in der Sexualität immer wieder an derselben Stelle zurückziehst, ausgerechnet dort, wo du dir eigentlich Nähe und Tiefe wünschst?

Wenn du eine Grenzerfahrung gemacht hast, eine tiefe Wunde, die dir im Leben widerfahren ist, dann kennst du dieses Gefühl vielleicht nur zu gut.
Die sexuelle Energie, ist auch deine Schöpferenergie.
Sie liegt in dem Kern von dir, der dich lebendig macht.
Und genau dort, in diesem Kern, sitzt bei so vielen von uns auch die Verletzung.

Wenn du eine tiefe Wunde in dir trägst, kommst du bei jeder Aktivierung deiner Schöpferenergie unweigerlich wieder an diese Wunde heran.
Das kostet Kraft. Du brauchst Energie, um deine Schöpferkraft überhaupt zu entfachen und dann noch einmal Energie, um die Wunde nicht spüren zu müssen.
Zwei Kraftakte gleichzeitig, kein Wunder, dass dabei so viel verloren geht. So entsteht ganz natürlich die Tendenz, lieber an der Oberfläche zu bleiben. Dort ist es einfacher.
Nur: Ohne diese Tiefe kann sich deine Schöpferenergie eben auch nie zu hundert Prozent entfalten.
Du bewegst dich dann in einer reduzierten Version deiner eigenen Kraft, vielleicht ohne es überhaupt bewusst zu merken.

Übertragen auf die Sexualität

Durch Trauma wird Sexualität oberflächlicher.
Das Spüren auf allen drei Ebenen, Körper, Herz und Geist, wird schwerer erreichbar.
Da genau dieses Spüren mit der Tiefe verknüpft ist, vor der du dich eigentlich schützen möchtest.
Also weichst du aus, oft in Energien hinein, die dir destruktiv vorkommen, weil sie leichter zugänglich sind.
Wut zum Beispiel. Eine Energie, die auf den ersten Blick kraftvoll wirkt, aber am Ende steht immer eine Leere.
Aus einer leeren Wut kannst du nicht aus dem Vollen schöpfen.

Lilith und Gewalt

Lilith steht für eine tiefe, lebendige Kraft, die dich dazu bringen möchte, genau diese Kraft für dich zu entdecken.
Das kann im Guten geschehen, aber auch im Destruktiven, denn das Gesetz der Polarität gilt eben auch hier.
Wenn du in der Wut verharrst, versucht Lilith dich eigentlich zu den Gefühlen zu führen, die unter dieser Wut liegen.
Du hast aber den freien Willen, dich dagegen zu entscheiden und stattdessen tiefer in die Verweigerung, tiefer in eine Gewalt zu gehen.
Unter dieser Gewalt liegt dann oft ein Gefühl von Macht, unter der Macht wiederum ein Bedürfnis nach Sicherheit.
Wer anderen Gewalt antut, sucht am Ende, so paradox das klingt, die eigene Sicherheit, getragen von einer eigenen, tiefen Wunde, die nie ergründet wurde.

Schuldzuweisungen helfen hier nicht weiter

Viel wichtiger ist die Frage: Woher kommt etwas?
Welche Prägungen, welche gesellschaftlichen und evolutionären Muster spielen mit hinein?
Wir tun gerne so, als wären wir eine sehr offene Gesellschaft, wenn es um Sexualität geht.
Wären wir das wirklich, gäbe es bis heute nicht so viele Tabus und so viel Scham rund um dieses Thema.

Ein paar Beispiel: Mädchen wurde von klein auf beigebracht, sich nicht an der Vulva zu berühren, fast so, als wäre das etwas Schmutziges.
Jungen und Männer hingegen berühren sich ganz selbstverständlich, auch in der Öffentlichkeit, ohne dass Berührungsängste entstehen.
Männer durften lernen, ihre sexuelle Energie, ihre Urkraft, für sich zu nutzen.
Frauen wurden für genau diese Energie eher verurteilt.
Auch das ist ein Grund, warum sexuelle Übergriffe überwiegend von Männern ausgehen.
Nicht um das zu entschuldigen, sondern weil diese Urkraft für Männer gesellschaftlich normal gelebt werden durfte, auch in ihrer Schattenseite.

Grenzerfahrung und erfüllte Sexualität

Nicht nur dein Verstand darf verstehen, was passiert ist. Dein Körper darf mitgenommen werden, denn jede Erfahrung manifestiert sich irgendwo im Körper.
Meist an mehreren Stellen und auf unterschiedliche Weise. Bei manchen äußert sich das als Gefühllosigkeit, etwa in der Vagina oder am Penis.
Bei anderen als eine Hochsensibilisierung, bei der schon eine leichte Berührung Schmerz auslöst.
Beides darf da sein. Beides hat seine eigene Logik und beides ist eine Reaktion, die Sinn ergibt.

Am schwierigsten zu erreichen ist meist die Herzebene.
Bei sehr belastenden Erfahrungen ist es oft so, dass diese Ebene zunächst überhaupt nicht spürbar ist, noch nicht einmal an der Oberfläche.
Und selbst dieser erste Schritt an die Oberfläche kann schon sehr schmerzhaft sein.
Das sind Prozesse, die Zeit brauchen.
Doch wir alle sind Teil einer Gesellschaft, die uns eher darauf trimmt, alles schnell haben zu wollen, so kurz wie möglich, so hoch wie möglich.
Diese Prägung sitzt tief, in unseren Mustern und Mechanismen.

Fazit

Lebendigkeit muss nicht erst am Ende eines abgeschlossenen Weges stehen.
Es ist ein Irrglaube, zu denken, du müsstest zuerst ein Ziel vollständig erreichen, bevor du das Gute, die Tiefe, die Lebendigkeit überhaupt spüren darfst.
Lilith möchte, dass du dich auf den Weg machst, und die Lebendigkeit kommt parallel dazu, nicht erst ganz am Ende.

Zu jedem Heilungsweg gehört auch die Bereitschaft, sich das große Ganze anzuschauen, ohne in Schuldzuweisungen zu verfallen.
Und ganz am Anfang steht eine Frage, die für jede Therapie und jedes Coaching entscheidend ist:
Möchtest du überhaupt Selbstverantwortung übernehmen?
Siehst du dein Gegenüber als jemanden, der dich retten soll oder als Begleitung, die dir Möglichkeiten aufzeigt?
Die Verantwortung liegt am Ende immer bei dir und das allein zu sehen, ist schon ein großer Schritt.

Allem, was dir widerfährt, steht eine Daseinsberechtigung zu, auch wenn es alles andere als gerecht ist.
Wir Menschen wachsen am meisten über uns hinaus durch Grenzerfahrungen. Ohne sie gäbe es kein Darüberhinauswachsen.
Auch das ist Polarität: Nichts Gutes ohne das, was wir das Böse nennen.
Vielleicht kennst du das aus deinem eigenen Leben, dass gerade die schwersten Erfahrungen dich zum größten Wachstum gebracht haben.
Deshalb bist du heute der Mensch, der du bist.

Wenn du sexuelle Gewalt erlebt hast, als Frau oder als Mann, kennst du vielleicht den Gedanken, dass Freude, Sinnlichkeit und Ekstase in der Sexualität für dich nicht mehr erreichbar sind.
Genau dort lohnt es sich hinzuschauen. Denn im Schatten liegt auch immer eine Lebendigkeit, die darauf wartet, entfacht zu werden.
Der Weg dorthin führt nicht über Verweigerung oder über verletzendes Verhalten, dir selbst oder anderen gegenüber.
Sondern über den mutigeren, kraftvolleren Schritt: hinein in die Wunde, auf allen drei Ebenen.
Denn genau dort, auf der anderen Seite dieses Prozesses, liegt die Möglichkeit, Intimität, Ekstase und wirkliche Lebendigkeit mit einem anderen Menschen zu erfahren.

Dieser Beitrag basiert auf einer Folge meines Podcasts
"Lilith und der kleine Tod". Die vollständige Episode findest du unter anderem auf Spotify & YouTube

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