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Ivana Hoffmanns

Heilpraktikerin · Kunsttherapeutin

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emotionale Vernachlässigung in der Kindheit

Herztrauma: emotionale Vernachlässigung & Verhärtung

Herztrauma: Vernachlässigung & Verhärtung

Wie vermisst man etwas, das man nie bekommen hat?

Vernachlässigung heißt, dass einem Kind fehlt, was es zum Wachsen braucht. Das kann Essen sein, Kleidung oder Schutz. Hier in der westlichen Welt ist das seltener geworden. Viel häufiger fehlt etwas, das man nicht im Außen direkt sehen kann. Es ist die emotionale Vernachlässigung, denn sie hinterlässt keine blauen Flecken.
Die Eltern sind da, aber nicht erreichbar. Sie trösten nicht, sie fragen nicht nach und sie interessieren sich nicht wirklich für das, was in ihrem Kind vorgeht. Von Ihnen wird nichts gespiegelt.
Das Perfide daran ist, dass nichts davon im Außen sichtbar ist. Deshalb erkennen es oft nicht einmal die Betroffenen selbst. Ich wurde ja nicht geschlagen, heißt es dann. Ich wurde nur nicht beachtet. Schon dieses kleine Wort „nur“ sagt viel. Es macht klein, was in Wahrheit tief geht.

Wir Menschen sind eben nicht nur Körper. Herz, Körper und Geist hängen zusammen. Was auf der Herzebene fehlt, wirkt auf alles andere. Ein Kind, das sich ungesehen und ungehört fühlt, erlebt nicht einfach Alleinsein. Es erlebt eine tiefe Einsamkeit. Die Freude am Leben hat darin wenig Platz, denn ein solches Kind lebt im Überlebensmodus.

Was der Körper lernt

Ein Kind, das niemand beruhigt, steht unter Dauerstress. Sein Stresssystem bleibt aktiv. Der Körper lernt Wachsamkeit statt Entspannung. Dazu kommt, dass das Bindungshormon Oxytocin bei Vernachlässigung niedriger ist. Es entsteht bei Nähe, bei Umarmungen, bei Vertrautheit und auch dann, wenn ein Kind von seinen Sorgen erzählt und die Eltern darauf eingehen. Oxytocin hilft, das Stresshormon Cortisol wieder zu senken. Fehlt das Oxytocin oder ist verringert, bleibt das System in Alarmbereitschaft.
Wer von Kindheit an so lebt, nimmt das mit ins Erwachsenenalter. Das Risiko für chronische Schmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Übergewicht ist später erhöht. Denn der Körper hat früh gelernt, dass er überleben muss und denkt es weiterhin.

Wenn Stärke eine Rüstung ist

Ein Kind, das mit seinen Bedürfnissen immer wieder ins Leere läuft, hört irgendwann auf, sie zu zeigen. Später spürt es seine Gefühle kaum noch. So entsteht Verhärtung.
Nach außen wirken diese Kinder oft erstaunlich selbstständig. Sie müssen ja für sich selbst sorgen, weil es sonst niemand tut und so wirken sie stark und reif. Sie machen keine Probleme und sie fallen nicht auf. Für Erwachsene sind solche Kinder bequem.

Hier dürfen wir als Gesellschaft genauer hinschauen. Ein Kind, das nie auffällt, ist auffällig. Es kann sein, dass es schlicht im Überlebensmodus ist und gelernt hat, sein Bindungssystem abzuschalten. Kinder sind das Wertvollste, was wir haben. Wer ein Kind in die Welt setzt, übernimmt die Verantwortung für seine Fürsorge und für bedingungslose Liebe.

Wenn ich auf unsere Gesellschaft schaue, sehe ich viele Menschen, deren Bindungssystem genau so abgeschaltet wirkt. Hilfe anzunehmen fühlt sich für sie fremd an und manchmal sogar beschämend. Gefühle werden analysiert statt gefühlt. Unabhängigkeit zählt mehr als Verbundenheit. Wir urteilen schnell und wir verurteilen schnell. Gnädig sind wir mit unserem Gegenüber sehr selten. Vieles davon kann seine Wurzeln in einer Kindheit haben, in der niemand geantwortet hat.

Nähe als Bedrohung

In Partnerschaften zeigt sich die alte Rüstung besonders deutlich. Wer als Kind vernachlässigt wurde, entwickelt häufiger einen unsicheren Bindungsstil. Oft ist es ein vermeidender. Nähe fühlt sich bedrohlich an. Wünscht sich der Partner mehr Nähe, entsteht der Impuls, sich zurückzuziehen. Eine Abhängigkeit wirkt gefährlich.
Am deutlichsten wird das in der Kommunikation. Wie viel sprichst du am Tag mit deinem Partner oder deiner Partnerin? Worüber eigentlich? Geht es um Termine, Einkäufe und Fakten? Oder geht es um das, was gerade wirklich in dir vorgeht? Ehrliche Gespräche über das eigene Innenleben sind seltener, als wir glauben.

Eine Leere, die nicht leer ist

Hier kommen wir zurück zur Anfangsfrage. Etwas ist verloren gegangen, aber der Kopf weiß nichts davon. Ich hatte es ja nie und trotzdem spürt man den Verlust. Es ist ein Verlust ohne Erinnerung.
Normalerweise trauern wir, wenn wir etwas verlieren. Um Liebe, die nie gegeben wurde, kann man nicht auf dieselbe Weise trauern. Man weiß ja nicht, wie sie sich angefühlt hätte. So kann eine Leere entstehen.
Viele versuchen sie mit Dingen zu füllen. Sei es mit Essen oder Kleidung oder auch immer neue und größere Dinge zu kaufen. Auch zu viel zu arbeiten, bis zur völligen Verausgabung oder Leistung in der Sexualität, statt Nähe, zu erbringen. Satt wird die Leere davon jedoch nicht.
Die Leere, die man spürt, ist nicht einfach nichts. Sie enthält etwas, das darauf wartet, gesehen zu werden.

Warum es so lange dauert

Kaum jemand verlässt die Kindheit und sagt: Ich trage eine Leere in mir, die schaue ich mir jetzt erst einmal in Ruhe an. Mit Anfang zwanzig stehen Ausbildung, Studium oder der erste Job an. Das Hamsterrad dreht sich. Das Leben läuft weiter. Die ersten Zeichen sind deshalb oft körperlich und leise. Verspannungen, schlechter Schlaf, Erschöpfung und später chronische Schmerzen. Getragen werden sie nicht einen Monat lang, sondern zehn oder fünfzehn Jahre. Die Seele weiß, dass wir oft erst auf den Körper hören, wenn er wehtut.

Der Blick der TCM: ein erschüttertes Herz

Die TCM betrachtet Beschwerden nicht einzeln, sondern sucht nach Mustern. Körper, Gefühl und Geist gehören für sie zusammen. Gerade bei einem so vielschichtigen Thema wie Vernachlässigung eröffnet sie neue Blickwinkel. Aus Sicht der TCM lässt sich Vernachlässigung wie ein Herztrauma verstehen. Wenn ein Kind keine Antwort, keine Resonanz und keine Liebe bekommt, fehlt ihm etwas im Herzen. Das Herz gehört zur Wandlungsphase Feuer. Es gilt als Kaiser oder Kaiserin unter den Organen. Es ist der Ort von Freude, Wärme und Verbindung.

Im Herzen wohnt der Geist, in der TCM Shen genannt. Er ist das wache Bewusstsein und die Ausstrahlung eines Menschen. Der Shen braucht einen Ort, an dem er ruhen kann. Dieser Ort ist das Herzblut. Fehlt Blut, findet der Geist keinen Halt. Ein Kind ohne Geborgenheit kennt diesen Zustand im übertragenen Sinn sehr gut. Es hatte keinen Ort, an dem es gehalten wurde und später kann sich das als Unruhe zeigen, als Schlafstörung, als Herzklopfen oder als Angst.

Die Niere: Wille und Lebensreserve

Ein Kind, das allein zurechtkommen muss, braucht vor allem Willen. Es muss durchhalten, sich selbst versorgen und auch selber trösten.
In der TCM wohnt in der Niere, sowohl das Zhi, der Wille, als auch die Lebensreserve, das Jing. Diese Essenz bekommt jeder Mensch bei der Zeugung mit. Aus ihr entsteht das Ursprungs-Qi, das Yuan Qi. Die Reserve ist endlich, so wie wir Menschen endlich sind. Wer schon als Kind ständig durchhalten musste, hat früh von ihr gezehrt.
Die Emotion der Niere ist die Angst. Ein Kind ohne Schutz lebt mit einer leisen, dauernden Angst. Sie läuft unter allem mit, als erhöhte Wachsamkeit. Im Erwachsenenalter kann daraus eine tiefe Erschöpfung werden, bis hin zum Burnout.

Wenn Feuer und Wasser den Kontakt verlieren

Herz und Niere bilden in der TCM eine Achse. Das Herz ist Feuer und sitzt oben. Die Niere ist Wasser und sitzt unten. Im gesunden Zustand steigt das Wasser auf und kühlt das Feuer. Das Feuer sinkt ab und wärmt das Wasser. Bewusstsein und Wille arbeiten zusammen und gemeinsam sorgen sie für psychische Stabilität. Gerät diese Verbindung durcheinander, verlieren Feuer und Wasser den Kontakt. Oben brennt es und der Geist rennt und findet keinen Halt. Unten fehlt die Kraft, der Wille verliert seine Richtung. Der Mensch ist unruhig und erschöpft zugleich.

Vernachlässigung ist ein stiller, innerer Dauerzustand. Immer wieder bleibt das Herz ohne Antwort. Der Körper reagiert darauf, wie er auf jeden Schock reagiert. Er zieht sich zusammen und das Herz schickt Yin, Qi und Blut in die Tiefe, um die Organe zu schützen. Gleichzeitig gerät das bewegliche Qi in Unordnung, denn Ihm fehlt der Anker. Was nicht gehalten wird, gerät durcheinander. In diesem Zusammenziehen zeigt sich die Verhärtung, die wir von außen wahrnehmen. Hinzu kommt, dass die Herz-Nieren-Achse im Kindesalter noch gar nicht ausgereift ist. Eine Erschütterung in dieser Zeit betrifft die ganze Entwicklung. Das Yuan Qi ist zwar vorhanden, aber seine Verteilung ist gestört. Ein Mensch kommt dann nicht wirklich in seine Kraft und sein Potenzial bleibt verborgen.

Das Herz in der Beziehung

Ein Herz, das früh lernen musste, sich zu schützen, bleibt auch in der Liebe vorsichtig. Manchmal verliebt man sich schnell, doch sobald es aber wirklich nah wird, möchte man die Beziehung weder vertiefen noch halten. Wer das bei sich bemerkt, darf genauer hinschauen. Das Herz zeigt sich in der TCM über die Zunge, also über die Sprache. Über Gefühle zu sprechen fällt einem erschütterten Herzen sehr schwer. Es fehlen dabei nicht die Gefühle. Es fehlen die Worte und die Erfahrung, dass Worte überhaupt gehört werden. Oft sind die Gefühle durch die Verhärtung auch kaum spürbar, was den Ausdruck erschwert.

Die Mitte, die nie genährt wurde

In der TCM gibt es den nährenden Zyklus der Wandlungsphasen. Darin nährt das Feuer die Erde. Ein Herz, das selbst zu wenig Wärme bekommen hat, kann die Erde kaum nähren. Zur Erde gehört die Milz, Pi. Sie bildet das Blut. Ist die Erde geschwächt, entsteht zu wenig Blut. Dann fehlt dem Shen wieder der Ort, an dem er ruhen kann und so schließt sich der Kreis.
Die Erde ist die nährende Mitte. Grübeln und Sorgen schwächen sie zusätzlich. Wer viel für andere sorgt und wenig für sich, darf sich fragen, wie es um die eigene Erde steht.

Vernachlässigung hinterlässt also doch Spuren. Sie sind nur nicht sofort sichtbar. Sie zeigen sich mit der Zeit…. im Körper, in der Erschöpfung und in der Art, wie wir lieben.

Ivana Hoffmanns Heilpraktikerin

Zur Folge

Lilith und der kleine Tod

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