Der kleine und der große Tod:
Nähe und Begehren am Lebensende
Was geschieht mit dem Begehren, wenn das Leben zu Ende geht?
Dies betrifft Menschen im Hospiz, auf der Palliativstation oder im Pflegeheim. Aber auch Menschen mit einer schweren Diagnose, die wissen, dass ihnen nicht mehr viele Jahre bleiben. Ebenso die Partnerinnen und Partner an ihrer Seite. Mit Begehren ist hier nicht in erster Linie der Sex gemeint. Gemeint ist die Intimität zwischen zwei Menschen. Die Berührung, Nähe, ein Blick, der einen wirklich sieht. Ein Kuss. Das gemeinsame Daliegen in der Stille. All das gehört dazu und all das bleibt ein Grundbedürfnis. Bis zuletzt.
Ein Bedürfnis, über das niemand spricht
In unseren Köpfen lebt ein bestimmtes Bild. Ein alter, gebrechlicher Mensch, der an ganz andere Dinge denkt als an Nähe. Wer so krank ist, hat doch Anderes im Kopf, so meint man.
Doch das Begehren verschwindet nicht einfach mit dem Alter oder mit einer Diagnose, es verändert seine Form. Es wird leiser, zarter oder manchmal auch drängender. Die Sehnsucht nach Nähe kann gerade auf der letzten Wegstrecke besonders groß sein. Trotzdem wird das Thema häufig übergangen. Pflegekräfte sprechen es selten an und die Paare selbst schweigen, weil die Scham zu groß ist.
Wenn aus Liebenden Pflegende werden
Besonders schwer ist die Situation für die Partnerinnen und Partner, da sie ja nicht krank sind. Vielleicht sind sie noch jünger oder für ihr Alter sehr fit. Gerade deshalb fällt es ihnen schwer, eigene Bedürfnisse zu äußern. Wie kann ich mir Nähe wünschen, wenn der andere stirbt? Ich bin doch hier, um zu unterstützen.
Hinzu kommt eine stille Verschiebung. Wer pflegt, wird nach und nach vor allem zur Person, die versorgt und sich kümmert. Die Rolle als Geliebte oder Liebhaber tritt in den Hintergrund. Pflege kostet viel Kraft, da bleibt für Zärtlichkeit oft keine Energie mehr.
Was Berührung bewirken kann
Berührung kann am Lebensende viel bewirken. Ein Streicheln über den Arm oder das Gesicht kann Stress und Angst lindern. Angst gehört zur letzten Wegstrecke dazu, zumindest in manchen Abschnitten. Berührung kann helfen, Schmerzen besser zu ertragen. Sie entspannt die Muskeln und kann den Schlaf erleichtern. Sie kann sogar von den Symptomen ablenken.
Das Wichtigste aber ist die Verbindung. Zwei Menschen begegnen sich. Sie sehen einander, halten einander und sind einander nah.
Warum auch nicht küssen? Ausgiebig und verspielt, wie Teenager. Auch das darf im hohen Alter sein. Vorausgesetzt natürlich, beide wünschen es sich.
Ein Körper, der sich verändert hat
Eine schwere Erkrankung hinterlässt Spuren. Erschöpfung, Schmerzen, Atemnot oder Übelkeit gehören für viele zum Alltag. Medikamente und Therapien bringen Nebenwirkungen mit sich. Narben von Operationen oder starker Gewichtsverlust verändern das eigene Körperbild. Viele fühlen sich nicht mehr attraktiv oder begehrenswert und die Angst vor Zurückweisung wird groß. Somit auch die Scham und zwar auf beiden Seiten. Beim Versuch darüber zu sprechen, wird oft das Thema dann schnell gewechselt.
Wenn der geschützte Raum fehlt
Auch die Umgebung macht es nicht leichter. In einem Hospiz oder Pflegeheim lässt sich die Tür oft nicht abschließen. Das Personal kommt herein, manchmal ohne anzuklopfen. Es ist nicht das eigene Zuhause. Der geschützte Raum, den Intimität braucht, fehlt. Hier kann ein offenes Gespräch mit dem Personal helfen. In vielen Einrichtungen lassen sich feste Zeiten vereinbaren, in denen niemand stört. Manchmal genügt schon ein Schild an der Tür.
Wie das Gespräch gelingen kann
Am Ende des Lebens möchten wir noch etwas erleben. Im Wort erleben steckt das Leben selbst. Jede Begegnung wird kostbar, jeder Moment des Genusses ebenso. Intimität zu übergehen, weil sie zu kompliziert erscheint, nimmt beiden etwas Wertvolles. Wer sich Nähe wünscht, darf das sagen. Behutsam und Schritt für Schritt. Vielleicht zuerst mit einer streichelnden Hand oder einer Berührung am Arm. Wenn beim Ansprechen die Scham hochkommt, darf auch sie einen Platz bekommen. Ein einfacher Satz kann viel lösen. „Mir ist das gerade unglaublich peinlich, aber ich möchte dir nah sein. Wie können wir das möglich machen?“ Was ausgesprochen wird, verliert oft einen Teil seiner Schwere. Hilfreich ist auch, die Absicht klar zu machen. Diese Berührung hat kein Ziel und nichts muss geschehen. Es geht nur um die Begegnung.
Der kleine und der große Tod
Im Tantra spielt genau diese Haltung eine zentrale Rolle. Es geht um Präsenz. Tantra ist vor allem eine spirituelle Praxis, die sexuelle Seite ist nur ein kleiner Teil davon. Im Mittelpunkt stehen das Dasein im Moment und die Begegnung mit dem Gegenüber. Halten und gehalten werden. Am Lebensende bekommt dieses Halten eine besondere Tiefe. In der Vereinigung zweier Menschen löst sich das Ich für einen Moment auf. Der Orgasmus wird deshalb auch der kleine Tod genannt. Im großen Tod geschieht ebenfalls eine Auflösung, ein Übergang, eine Hingabe. Wenn ein geliebter Mensch die letzte Meile geht, lässt er nach und nach los. Der andere hält. Aus diesen beiden Bewegungen kann eine ganz eigene Verschmelzung entstehen. Eine Intimität, die vielleicht tiefer reicht als vieles davor.
Diese Begegnung ist Magie.
Und diese Magie entsteht nur zwischen euch beiden.
Auch die Astrologie kennt diese Verbindung. Sie arbeitet mit zwölf Häusern, die jeweils für bestimmte Lebensbereiche stehen. Sexualität und Tod teilen sich dort ein Haus und zwar das achte. Es ist das Haus des Skorpions, beherrscht von Pluto. Pluto steht für Tod und Wiedergeburt, für Wandlung und für Sterbe- und Werdeprozesse.
Was Lilith ans Licht holt
Lilith, der Schwarze Mond. Sie steht für das Verdrängte und zugleich für Lebendigkeit. Lilith möchte nach oben holen, was lange im Verborgenen lag.
Gerade auf den letzten Metern können verdrängte Wünsche noch einmal auftauchen. Manche Menschen möchten dann nicht nur Zärtlichkeit erleben. Sie sehnen sich nach einer tieferen und auch körperlichen Vereinigung mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin. Für das Gegenüber kann ein solcher Wunsch zunächst eine Hürde sein. Denn auch hier braucht es Behutsamkeit und viele Gespräche. Doch dieser Wunsch darf da sein. Lilith gibt ihm eine Daseinsberechtigung. Was sich am Ende eines Lebens so deutlich zeigt, trägt oft eine Bedeutung in sich. Vielleicht hält es einen Menschen noch hier, bis es gesehen werden durfte.
Ein Brief an den Körper
Manchmal ist der Geist noch voller Lust, während der Körper nicht mehr mitmacht. Bettlägerigkeit, Erschöpfung oder die Folgen von Operationen setzen Grenzen. In solchen Momenten kann eine kunsttherapeutische Übung einen neuen Zugang öffnen.
Du schreibst einen Brief an deinen eigenen Körper. Darin darf alles Platz finden.
Wofür bist du deinem Körper dankbar?
Was macht dich wütend an ihm?
Welche Stelle findest du noch immer schön oder begehrenswert?
Das können deine Augen sein, dein Haar oder frisch lackierte Fingernägel.
Wovon kannst du dich verabschieden, weil es dir nicht mehr wichtig ist?
Ebenso lässt sich ein Brief an den Körper des geliebten Menschen schreiben.
Was hat dieser Körper euch beiden bedeutet?
Was hast du früher an ihm geliebt?
Was hat sich verändert und was davon magst du vielleicht sogar?
Was habt ihr gemeinsam mit ihm erlebt?
Den Brief könnt ihr frei gestalten, mit Farben und verschiedenen Materialien. Ihr könnt gemeinsam daran arbeiten oder jeder für sich. Getrennt gestaltete Briefe lassen sich anschließend austauschen. Zuerst schaut jeder in Ruhe, was der andere ausgedrückt hat und dann kommt ihr darüber ins Gespräch.
Schon das gemeinsame Gestalten ist Intimität und manchmal beginnt genau hier ein offenes Gespräch über Nähe und Begehren, für das vorher die Worte fehlten.
Im Hier und Jetzt
Zärtlichkeit, Leidenschaft und Begehren verändern am Lebensende ihre Form. Oft halten wir dann an der Vergangenheit fest. Weißt du noch, wie schön das damals war? Doch wer im Gestern lebt, verliert den Moment. Intimität entsteht im Hier und Jetzt. Sie entsteht nicht dort, wo wir Bildern aus Filmen oder alten Gewohnheiten nachjagen. Was du als liebevoll und begehrenswert empfindest, bestimmt niemand außer dir. Einen Menschen in seiner ganzen Vollkommenheit zu sehen, mit allem, was er jetzt ist. Diese Begegnung ist Magie und diese Magie entsteht nur zwischen euch beiden.





