Berührungshunger: Nähe ohne Sex
Wann hast du dich zuletzt einfach nur berühren lassen, ohne dass danach etwas passieren musste?
Viele Menschen sehnen sich genau danach. Nach einer Hand auf dem Rücken. Nach Kuscheln, das einfach Kuscheln bleiben darf. Doch sprechen nur wenige darüber. Berührung ohne Sex ist kein Ersatz. Sie ist ein eigener Raum den wir Menschen brauchen.
Was Berührung in uns bewirkt
Berührung kann Stress senken und das Stresshormon Cortisol herunterfahren. Sie kann bei Schmerzen, Ängsten und depressiven Verstimmungen unterstützend sein. Schon eine Umarmung bewirkt viel. Es wird nicht nur der Tastsinn angesprochen, sondern auch die emotionalen Regionen im Gehirn werden aktiv. Streicheln berührt also unser Gefühl.
Die Autobahnen in unserem Kopf
Wie wir Berührung erleben, beginnt früh. Studien zeigen, dass Mädchen in der Kindheit mehr zärtliche Berührung bekommen. Jungen werden eher spielerisch und anregend berührt. Mit dem Älterwerden nimmt die Berührung ab.
Frauen berühren häufiger und werden auch häufiger berührt. Das liegt an gesellschaftlichen Mustern.
Bei vielen Männern spielt die Sorge mit, homosexuell zu wirken. Die Homophobie hat in der Gesellschaft abgenommen. Verschwunden ist sie dennoch nicht. Solche Veränderungen brauchen Jahrzehnte. Sie beginnen mit Bewusstsein.
Männer und die Erlaubnis zur Zärtlichkeit
Wenn du ein Mann bist, lohnt sich mal ein ehrlicher Blick auf deine Freundschaften. Umarmst du deine Kumpels? Nimmst du einen traurigen Freund in den Arm und streichelst ihm über den Rücken? Würdest du ihm einen Kuss auf die Stirn geben?
In vielen Kulturen ist das ganz selbstverständlich. Männer begrüßen sich dort mit mehreren Küssen. Auf die Wange und manchmal auch auf den Mund.
Spannend kann auch der Blick zum Sport sein. Beim Football ist der Klaps auf den Hintern völlig normal. Auf dem Spielfeld fühlt er sich gut („normal“) an. In einem anderen Zusammenhang wirkt er vielleicht plötzlich komisch. Genau dort lohnt es sich hinzuschauen. Denn die Sexualisierung findet in unserem Kopf statt.
Wenn Nähe zur Leistung wird
In der Partnerschaft:
Männer bekommen in der Sexualität häufig weniger Zärtlichkeit als Frauen. Das liegt selten daran, dass Frauen keine Zärtlichkeit geben wollen. Oft fällt es Männern schwer, sich fallen zu lassen.
Muster können sein:
- Der Mann muss abliefern
- Er muss zeigen, dass er es ihr besorgen kann
- Er muss seinen Mann stehen
- nicht zu enttäuschen
So wird aus Streicheln schnell die Erwartung, dass Sex folgen muss.
Folgender Punkt kann auch eine Rolle spielen:
Wer in seinem Leben wenig Zärtlichkeit erlebt hat, findet Nähe vielleicht nur in der Sexualität. Denn dort wird sie nicht in Frage gestellt.
So kann es passieren, dass Gesten, Worte oder Anderes von einem Menschen, dem man nahe sein möchte, sexualisiert werden.
Zärtlich reden, spielerisch bleiben
Natürlich hilft es, in der Partnerschaft darüber zu sprechen. „Heute möchte ich nur kuscheln“. Doch das Gedankenkarussell steht nicht automatisch still. Dafür braucht es Selbstreflexion und eine zärtliche Form der Kommunikation. Wichtig ist, dass jeder Gedanke eine Daseinsberechtigung bekommt.
Der Herbst und das Metall
Der Herbst ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin die Zeit des Metalls. Zum Metall gehören Lunge, Haut und Atem. Es steht auch für das Loslassen und das körperliche Fallenlassen.
Die Haut ist dabei Kontaktfläche und Grenze zugleich. Sie hält fern, was uns nicht guttut. Über Lunge und Atem kommt die Kommunikation hinzu. Was gefällt mir? Was gefällt mir nicht? Welche Berührung tut mir gut?Hier kommen wieder unsere Muster ins Spiel. Vielleicht magst du es, fest gestreichelt zu werden, weil dein Nervensystem es braucht. Dein Partner mag es dagegen ganz leicht, fast wie einen Lufthauch. Oft streicheln wir aber so, wie wir es selbst mögen. Darum lohnt es sich, es zu zeigen, wie man am liebsten gestreichelt wird.
Der kontrollierende/ harmonisierende Zyklus
In der TCM kontrolliert das Metall das Holz. Das Holz steht für die Leber und für die Wut. Viele Jungen haben gelernt, dass Wut erlaubt ist. Doch Wut herauszulassen baut nicht unbedingt ab. Wer das Fallenlassen übt, stärkt das Metall. Und das kann helfen, das Holz in Balance zu bringen.
Der Atem als Brücke
Das Metall steht auch für den Atem.
Vielleicht liegt ihr beieinander und plötzlich taucht der Wunsch nach Sex auf. Dann atme. Führe deinen Atem hinunter ins Sakralchakra und weiter ins Wurzelchakra. Spür hinein, was da gerade ist. Ist es echte Lust auf Intimität mit deinem Gegenüber? Oder ist es ein Übersprung, weil du etwas anderes nicht fühlen willst?
Schreib dir deine Erfahrungen auf. In ein Notizheft oder ein Tagebuch, denn wir vergessen sehr schneller. Wenn ihr schon offen miteinander sprecht, teilt eure Gedanken. Das sind sehr intime Augenblicke. Sollte dir das noch zu unangenehm sein, dann probiere es erst einmal für dich allein. Erregung ist Energie. Sie ist auch Schöpferenergie. Wie schön ist es, diese Schöpferkraft ins Herz zu führen. Bleibt immer neugierig und habt Freude daran. Freude öffnet das Herz und erst dann begegnen wir uns wirklich.
Die ganze Folge zu diesem Thema findest du im Podcast „Lilith und der kleine Tod“.





