Erregung bei einem Übergriff: Warum dein Körper dich nicht verraten hat
Inhaltshinweis:
In diesem Beitrag geht es um sexuelle Gewalt und die Reaktionen des Körpers während eines Übergriffs. Achte bitte gut auf dich.
Wenn du merkst, dass dich das Thema zu sehr mitnimmt, dann hör auf zu lesen und sorge erst für Stabilität. Vielleicht liest du ihn auch gemeinsam mit einem Menschen, der dir Halt gibt.
Was bedeutet es, wenn der Körper während eines Übergriffs erregt reagiert?
Du warst erregt oder hattest sogar einem Orgasmus, obwohl Angst und Gewalt den Moment bestimmten. Für viele Betroffene ist genau diese Frage der Punkt, an dem sie sehr starke Scham empfinden und sich selbst Schuld am Übergriff zuweisen.
Ein Thema, über das kaum jemand spricht
Erregung während sexueller Gewalt ist eines der am stärksten tabuisierten Themen rund um Trauma. Betroffene sprechen selten darüber, denn die Sorge ist groß, dass es gegen sie verwendet wird.
In einem System, das oft eher dem Täter glaubt und Opfer beschämt, ist dieses Schweigen eine nachvollziehbare Reaktion.
Spätestens wenn sich jemand mit dem Erlebten auseinandersetzt, in einer Therapie, einer Selbsthilfegruppe oder auf einem anderen Weg, taucht die Frage aber wieder auf. Das Thema ist bisher wenig erforscht.
Die vorhandenen Untersuchungen zeigen jedoch, dass körperliche Erregung und auch Orgasmen bei Übergriffen keine Seltenheit sind. Viele Betroffene berichten davon, trotz der Gewalt und trotz der Angst, die sie hatten.
Der Körper reagiert, ohne zu fragen
Die Reaktion des Körpers ist keine Zustimmung. Unser Körper verfügt über Reflexe, die nicht nach unserem Willen fragen.
Wird die Vagina bei einem Übergriff feucht, kann das ein Schutz sein, damit sie weniger verletzt wird. Die Erregung entsteht hier also nicht aus Lust.
Die körperliche Erregung und die empfundene Lust laufen oft nicht zusammen. Der Körper kann reagieren, während innerlich Angst, Ekel oder Starre herrschen.
Das gilt für alle Geschlechter. Auch wenn Männer sexuelle Gewalt erleben, kann eine Erektionen oder Ejakulationen stattfinden.
Gerade bei ihnen hält sich hartnäckig der Mythos, eine Erektion bedeute zu Wollen. Das stimmt so nicht.
Es ist wichtig, jede körperliche Reaktion nicht automatisch dem freien Willen zuzuordnen. Der Gedanke "Ich bin feucht geworden, also habe ich es gewollt" ist eine Schuldzuweisung, die Betroffene immer wieder gegen sich selbst richten. Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Es gab keine freie Wahl. Es gab keine Kontrolle über den eigenen Körper, über die Situation und dem Gegenüber.
Ein Orgasmus ohne Verbindung
Ist eigentlich jeder Orgasmus gleich? Wer ehrlich hinschaut, merkt schnell: Kein Höhepunkt gleicht dem anderen. Sie unterscheiden sich in Intensität, in Nuancen und darin, wohin sie uns führen.
Ein Orgasmus in Verbundenheit führt zu uns selbst und zum Gegenüber. Er entsteht, wenn wir dem anderen wirklich begegnen und ihm ins Herz schauen. Ein Orgasmus während eines Übergriffs entsteht ohne diese Verbindung. Er ist von Angst geprägt und führt eher nach außen, in die Abgrenzung, manchmal sogar in eine Dissoziation, also aus dem Körper heraus.
Auch wenn er sich körperlich intensiv angefühlt hat, sagt das nichts über Zustimmung aus. Gerade diese Intensität löst oft die stärkste Scham aus. Dabei ist sie eine Reaktion des Körpers und keine Entscheidung.
Hinzu kommt: Angst und sexuelle Erregung nutzen teilweise dieselben Systeme im Körper. Bei manchen Menschen kann Angst deshalb auch Erregung auslösen. Daran ist nichts falsch. Falsch war allein, dass ihnen die freie Wahl genommen wurde.
Herz, Körper, Geist: Wie sich die Seele schützt
Es hilft, das Erlebte auf drei Ebenen zu betrachten: Herz, Körper und Geist. War der Geist in einer Starre, heißt das nicht, dass auch der Körper erstarrt war. Der Körper hat reagiert und auf seine Weise versucht, dich zu schützen. Er hat sein Bestmögliches getan. Vielleicht hat sich auch das Herz zurückgezogen und ist aus dem Erleben herausgetreten. Wie sich die Seele in solchen Momenten schützt, ist unterschiedlich. Genau das gilt es zu erforschen, wenn man sich mit dem Trauma auseinandersetzen möchte.
Ekel, Scham und das Gefühl, verraten worden zu sein
Viele Betroffene geben sich selbst die Schuld und schweigen. Die Schuld liegt aber allein bei der Person, die die Gewalt ausgeübt hat. Neben Schuld und Schweigen gibt es ein Gefühl, das besonders schwer wiegt: den Ekel vor sich selbst. Es fühlt sich an wie eine innere Verschmutzung.
Der Körper wird als Verräter erlebt. Er scheint nicht mehr zu einem selbst zu gehören. Diese Entfremdung kann den ganzen Körper betreffen oder einzelne Teile: die Vagina, die Vulva, die Brüste oder den Penis, der sich vielleicht kaum noch spüren lässt. Manche empfinden ihren Körper als unästhetisch oder generell als eklig. So etwas kann sich auch in einer Essstörung zeigen.
Oft wird das Trauma zunächst verdrängt, weil das Leben irgendwie weitergehen muss. Doch irgendwann tauchen Trigger auf, die zur Auseinandersetzung drängen können.
Wenn Verdrängtes nach Wegen sucht
Die Folgen können sich, wenn auch sehr unterschiedlich, auch in der Intimität zeigen. Manche Menschen verweigern Nähe und Sexualität vollständig. Andere leben sie sehr exzessiv, aber abgespalten vom Herzen. Das hat dann wenig mit Lebendigkeit zu tun, sondern eher mit Verdrängung und einem zerstörerischen Muster.
Es gibt verschiedene Arten von Muster, z.B.: Angst oder Gewalt in abgeschwächter Form wiederzuerleben, um Erregung zu spüren. Dahinter steht die Annahme, nur über diese Erregung entstehe Verbundenheit. Erregung kann auch mit Intimität verwechselt werden. So kann sich dies z.B. in Partnerschaften zeigen, die gewaltvoll sind oder immer wieder Grenzen überschreiten. Auch zwanghafter Pornokonsum, manchmal mit Inhalten, die Gewalt enthalten kann ein Muster sein.
Hier zeigt sich Lilith. Sie steht für Sexualität und weibliche Kraft, die in allen Geschlechtern wirkt. Sie steht für das Verdrängte. Was verdrängt ist, will angeschaut und ins Bewusstsein geholt werden. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht.
Wer seine Muster bearbeitet, verändert auch seine Energie.
Es ist ein wenig wie eine Autobahn im Gehirn, die man immer wieder fährt: Man kann beginnen, ihre Ränder neu zu bepflanzen. Diese Pflanzen brauchen vor allem am Anfang sehr viel Pflege um kraftvoll zu wachsen. Mit der Zeit verändert sich die Landschaft.
Der Blick der Traditionellen Chinesischen Medizin
Die TCM bietet einen Zugang, der etwas Abstand zu Scham, Schuld und Ekel schaffen kann.
Im Element Wasser liegt der Funktionskreis Niere. Er beherbergt das Jing, die sexuelle Lebenskraft und Schöpferkraft. Zugleich ist die Niere der Sitz der Angst. Bei einem Übergriff wird also beides am selben Ort berührt: die sexuelle Kraft und die Angst.
Zum Element Feuer gehören das Herz, der Dünndarm und das Perikard. Das Herz beherbergt den Shen, also Geist, Bewusstsein und Präsenz. Feuer steht für Freude, Wärme und Begegnung.
In einer freiwilligen, verbundenen Begegnung wirken Herz und Niere zusammen. Das Feuer des Herzens wärmt nach unten, das Wasser der Niere kühlt und nährt nach oben. Jing und Shen, Lebenskraft und Präsenz, sind miteinander verbunden.
Im Kontrollzyklus der TCM kontrolliert Wasser das Feuer. Wird die Angst übermächtig, wie in einer Schocksituation, löscht das Wasser das Feuer. Der Schock zerstreut den Shen. Das Herz verschließt sich und das Perikard legt sich wie ein Schutz darum. Das ist eine sinnvolle Reaktion des Körpers. Gleichzeitig reagieren Wasser und Niere weiter. So kann Erregung entstehen, sogar ein Orgasmus, aber ohne Verbindung.
Kleine Schritte statt großer Sprünge
Sich mit dem Ekel auseinanderzusetzen, ist unbequeme und braucht Mut.
Dabei hilft es, wieder auf die drei Ebenen zu schauen: Wo im Körper sitzt der Ekel? Welches Gefühl löst er aus? Welche Gedanken bringt er mit sich?
Bei Trauma funktionieren große Schritte nicht. Sie destabilisieren eher, statt zu stabilisieren. Es braucht kleine Schritte und auch „Rückschritte“. „Rückschritte“ zeigen, wie weit man schon gekommen ist. So wird Unbewusstes nach und nach bewusst.
Die Körperlandkarte: eine kunsttherapeutische Übung
Kunst bringt Unbewusstes ins Bewusstsein. Bilder erzählen die eigene Geschichte: wie sie war, wie sie heute ist und wie sie werden darf. Was eine Farbe bedeutet, weiß nur die Person, die malt. Gelb kann für Sorge stehen, für Neid oder aber auch für die Liebe. So können Dinge sichtbar werden und zwar nur für dich. Du kannst der ganzen Welt eine Geschichte erzählen, doch was sie für dich bedeutet und wirklich heißt, weißt nur du. Kunst ist eine Offenbarung deines Unbewussten...doch nur für dich. Für alle anderen ist es ein wunderschönes Mysterium.
Übung:
Zeichne einen Umriss deines Körpers. Dann füllst du ihn mit Farben. Dabei geht es nicht um Erregung, sondern darum, den eigenen Körper wieder als sicheren Ort zu erleben. Du kannst dich dabei mit der eigenen Hand oder mit einem Gegenstand berühren und hinspüren. Die Übung stärkt das Gefühl, dass dein Körper dir gehört und du die Kontrolle über ihn hast.
• Wo fühlt sich dein Körper sicher an?
• Wo spürst du vielleicht gar nichts? Taube Stellen ohne medizinische Ursache können nach sexueller Gewalt vorkommen.
• Welche Stellen fühlen sich vertraut an? Gibt es überhaupt eine?
Du musst nicht den ganzen Körper gestalten. Stellen, die du noch nicht anschauen möchtest, lässt du einfach weg. Vielleicht kommst du in einem Jahr auf sie zurück, vielleicht auch erst in zehn.
Das Bild bleibt, und du kannst es weiterentwickeln. Es ist deine Geschichte und wann das nächste Kapitel beginnt, entscheidest allein du.
Unterstützung findest du hier:
- Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 116 016
- Hilfetelefon Sexueller Missbrauch 0800 22 55 530.
Beide anonym und kostenfrei.





