Wege der Linderung
Verschieden Therapieformen für Moral Injury:
Die Acceptance and Commitment Therapy (ACT)
verbindet Achtsamkeit, kognitive Diffusion und Wertearbeit, damit Betroffene trotz einer moralischen Verletzung ein sinnvolles, werteorientiertes Leben gestalten können.
Vergebung ist dabei kein Muss, sondern eine mögliche Brücke zu den eigenen Werten.
Impact of Killing
richtet sich gezielt an Menschen, die im Krieg getötet haben oder Zeugen von Tötungen wurden,.
Sie arbeitet an Selbstvergebung, Wiedergutmachung und einem konstruktiven Blick nach vorn.
Die Trauma-informed Guilt Reduction Therapy
verfolgt das Ziel, die eigene Rolle im Geschehen realistisch einzuordnen, damit Betroffene sich nicht automatisch die gesamte Verantwortung zuschreiben.
Studien zeigen, dass Menschen, die diese Therapien in Anspruch nehmen, nachweislich weniger unter Ärger, Depression und Angst leiden.
Die Logik der Schuld
Vergebung setzt eine Schuld voraus. Ohne Schuld gibt es nichts zu vergeben.
Bei Moral Injury ist die Schuldfrage aber oft alles andere als eindeutig.
Wer einen Befehl befolgt hat oder in einer Notsituation zwischen zwei moralisch belasteten Optionen entscheiden musste, hatte in diesem Moment womöglich keinen freien Willen.
Die Frage, wovon eine solche Person freigesprochen werden soll, lässt sich dann nur sehr schwer beantworten.
Bei sexueller Gewalt:
Vergebungsarbeit setzt hier eine Schuld bei der betroffenen Person voraus, die dort schlicht nicht liegt.
Das Schuldgefühl der betroffenen Person, ist ein Gefühl dessen Ursache etwas anderes ist. Nicht die Schuld an sich.
Vergebung braucht außerdem ein Gegenüber, jemanden, der die Schuld erlässt oder annimmt. Das erzeugt eine strukturelle Abhängigkeit.
Die betroffene Person entscheidet nicht mehr frei, sondern ist darauf angewiesen, dass ihr von außen etwas gewährt wird.
Selbst dort, wo eindeutig Schuld vorliegt, wird es kompliziert.
Jedes Opfer erlebt eine Tat individuell. Weder ein einzelnes Opfer, noch mehrere Opfer, noch eine dritte Instanz können sich auf eine gemeinsame, objektive Vorstellung von Schuldbegleichnis einigen.
Der Grund dafür liegt tiefer.
Schuld ist kein Besitz, den man weitergeben oder erlassen kann. Das Wort „Schuld“ trägt im Deutschen zwei Bedeutungen in sich: die moralische Schuld und die Geldschuld.
Geldschulden lassen sich rechtlich übertragen – genau diese Logik steckt in der klassischen Vergebungssprache.
Sinnvoller lässt sich der Unterschied zwischen Eigentum und Besitz beschreiben.
Besitz lässt sich weitergeben. Eigentum dagegen ist die tiefere, dauerhafte Zugehörigkeit zu etwas.
Schuld ist im Eigentum einer Person, sie gehört untrennbar zu ihr und ist nicht verhandelbar.
Wohin geht die Schuld?
Dieselbe Frage stellt sich bei der Selbstvergebungsarbeit, bei innerer Kindarbeit oder bei Loslass-Übungen.
Wird von Loslassen gesprochen, stellt sich die Frage, wohin das Losgelassene eigentlich geht.
Wer sie in den Kosmos abgibt, müsste sich fragen, ob sie dort wirklich aufhört, zur eigenen Person zu gehören.
Das bedeutet nicht, dass diese Praktiken wertlos wären. Wer damit gut zurechtkommt und Linderung verspürt, für den sind sie ein gutes Werkzeug.
Verzeihen als Alternative?
Verzeihen bedeutet den Verzicht auf Groll, auf Rache, auf Beschuldigung.
Die Schuld bleibt dabei bestehen.
Das klingt zunächst gesünder, greift aber zu kurz.
Verzeihen dient in erster Linie dem eigenen Ego. Die Entscheidung dazu wird einseitig getroffen, die andere Person wird nicht einbezogen.
Genau in dieser Struktur, im Entscheiden über jemanden ohne Beteiligung dieser Person, liegt eine formale Parallele zur ursprünglichen Grenzüberschreitung.
Es geht dabei nicht um eine Gleichsetzung der Tat selbst. Eine reale Verletzung wiegt anders als ein innerer Entschluss.
Die Struktur der Entscheidung ist gleich: einseitig, ohne Beteiligung, zum eigenen Zweck.
Das macht Verzeihen zu einer subtileren Form des Egoismus, als auf den ersten Blick erscheint.
Der Weg der Gnade
Bleibt die Frage, was jenseits von Vergeben und Verzeihen möglich ist.
Ein Ansatz liegt im Konzept der Gnade. Gnade verfolgt keinen Zweck, ist kein Tauschgeschäft, kennt kein Für und Wider.
Ihr Gegenteil, die unnachgiebige, kompromisslose Selbstbegegnung ohne Wenn und Aber, lässt sich als Gnadenlosigkeit beschreiben.
Gnade dagegen ist nicht gebunden, sie ist ein Geschenk und keine Position, die verhandelt wird.
Gnade lässt sich als höhere Liebe verstehen und weil sie ein Akt der Liebe ist, kann aus ihr kein Egoismus entstehen.
Vergebungsarbeit, Verzeihen, Loslassen und die Verarbeitung von Verlust können Linderung schaffen und dabei helfen, mit dem Erlebten anders umzugehen. Diese Arbeiten haben ihre Daseinsberechtigung.
Dennoch stellt sich die Frage, ob diese Ansätze immer an der eigentlichen Ursache ansetzen.
Ein etwa anderer Blick – TCM: Feuer – Erde – Metall bei Moral Injury
In der TCM wird bei Moral Injury häufig am Element Metall angesetzt:
Trauerarbeit, Abschied, Abgrenzung und Loslassen.
Metall steht für Klarheit, Würde, Disziplin, Grenzen und Trauer.
Bei Moral Injury ist jedoch oft genau diese Metall-Qualität verletzt:
Die Würde ist erschüttert und es fehlt ein innerer Boden.
Die Verletzung zeigt sich evtl. auch körperlich:
im Atem, in der Körperhaltung, in Spannung, Rückzug oder Erstarrung.
Die Verletzung betrifft aber nicht nur Metall, sondern auch die Erde.
Erde steht für innere Mitte, Nährung, Stabilität und Verarbeitung.
Die geistige Qualität das YI – Denken, Absicht und die Fähigkeit, Erfahrungen zu verarbeiten.
Wenn grundlegende Werte verletzt wurden, ist auch diese innere Mitte erschüttert.
Es fehlt an Nährung, Halt und einen sicheren inneren Ort.
Ohne stabile Erde kann Metall nicht genährt werden.
Aus dieser Perspektive kann das Element Feuer einen anderen Zugang eröffnen.
Feuer steht für Freude, Herzenswärme und Lebendigkeit.
Yin-Organ ist das Herz, Yang-Organ der Dünndarm, geistige Qualität das Shen – Bewusstsein, Geist und innere Klarheit.
Im Zusammenhang mit Spiritualität kann Feuer für die Verbindung zu etwas Größerem, zu innerem Sinn und zu einer tieferen Form von Bewusstsein stehen.
Die Liebe gehört unmittelbar zum Feuer: Herzenswärme, Verbundenheit, Mitgefühl und die Fähigkeit, sich dem Leben und anderen Menschen wieder zuzuwenden.
Gnade als Verbindung
Sie gilt als eine Form höherer Liebe. Gnade verbindet Feuer und Erde:
Feuer schenkt Herzenswärme, Liebe, Mitgefühl und Beziehung.
Erde nimmt an, trägt und nährt.
Metall kann später Klarheit, Würde, Trauer, Abschied und Integration ermöglichen.
Im Modell der fünf Wandlungsphasen nähren sich die Elemente gegenseitig:
Feuer nährt Erde, Erde nährt Metall. Wenn die Erde selbst erschüttert ist und Metall nicht ausreichend versorgen kann, kann ein Zugang über Feuer und Gnade einen ersten inneren Boden schaffen.
Dabei geht es nicht darum, jedes Element zuerst vollständig und zu einhundert Prozent in Fülle zu entwickeln. In einer Begleitung brauchen wir des öfteren neue Ansatzpunkte, insbesondere dann, wenn andere Wege nicht greifen oder ein Mensch an seine Grenzen kommt.
Astrologie: Lilith und Neptun bei Moral Injury
Astrologie zeigt nicht, was du tun sollst, sondern wie dein individueller Zugang zu etwas aussieht, das ohnehin schon in dir angelegt ist.
Lilith steht für den Teil der Psyche, der sich dieser Wiedereingliederung verweigert, weil sie eine Form der Selbstverleugnung wäre. Bei Moral Injury betrifft das häufig genau jenen Anteil, der das eigene Handeln nicht in ein tragbares Selbstbild integrieren kann und will.
Gnade verlangt keine Wiedereingliederung in eine kohärente Selbsterzählung, sondern lässt das Unversöhnte stehen. Lilith unterstützt demnach den Prozess der Gnade, da sie keine nachträgliche Rechtfertigung des Geschehenen fordert.
Neptun steht astrologisch für Auflösung, Mitgefühl, Transzendenz, Gnade, ein Gefühl der Einheit und bedingungslose Liebe.
Bei Moral Injury liegen Verletzung auch in der Erfahrung, aus dieser bedingungslosen Verbundenheit herausgefallen zu sein.
Die betroffene Person erlebt sich als jemand, der die Liebe, das Vertrauen oder die Zugehörigkeit, die vorher als selbstverständlich galten, nicht mehr beanspruchen darf.
Verbundenheit kann auch dort bestehen, wo Schuld nicht aufgelöst ist.
Über die stille Erkenntnis, dass diese Liebe nicht erarbeitet, sondern lediglich wieder zugelassen werden muss.
Die eigene Geschichte lässt sich nicht löschen oder korrigieren.
Es geht darum, sie zu erhalten, nicht als Urteil, sondern als das, was gelebt wurde.
Gnade ist am Ende nichts anderes als ein Ja zu diesem Gewordensein.

