Was passiert eigentlich mit unserer Sexualität, wenn der innere Kompass zerbrochen ist?
Wenn etwas geschehen ist, das gegen die eigenen Werte verstößt, sei es durch eigenes Handeln, durch Wegsehen oder durch das Erleben von etwas zutiefst Falschem, dann bleibt das nicht folgenlos für die Nähe, die wir zulassen können.
Moral Injury, die moralische Verletzung, zeigt sich dann auch:
in der Sexualität, in der Intimität, in der Fähigkeit, sich einem anderen Menschen hinzugeben.
Wird die eigene Würde erschüttert, verliert auch die Sexualität ihren sicheren Boden.
Nähe, Hingabe, Lust, all das, was eigentlich lebendig sein sollte, wird zur Bedrohung.
An seine Stelle tritt oft eine emotionale Taubheit. Ein Gefühl von Leere.
Manchmal sogar von Fremdheit im eigenen Körper.
Moral Injury & Sexueller Missbrauch
Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang bei sexuellem Missbrauch.
Dort geht es oft nicht nur um die verletzte sexuelle Ebene.
Es geht um Machtmissbrauch, um Verrat, um das Schweigen und Nichtglauben, das Betroffene oft erfahren.
Verletzt wird das Grundvertrauen in Schutz und Sicherheit.
Etwas, das gerade im Kindesalter eigentlich selbstverständlich sein sollte.
Und mit diesem Vertrauen gerät auch die eigene Vorstellung von Gerechtigkeit und moralischer Ordnung ins Wanken.
Die Folgen zeigen sich oft körperlich:
Lustlosigkeit, Vermeidung von Sex, Schmerzen, Schwierigkeiten mit Erregung oder dem Orgasmus.
Manchmal wird Intimität trotzdem zugelassen, aus einem Pflichtgefühl heraus, um einen Partner nicht zu enttäuschen.
Doch dann kann es zu einer emotionalen Abspaltung kommen.
Der Körper ist anwesend, die Verbindung zur eigenen sexuellen Energie, dieser Urenergie, die eigentlich Schöpferkraft ist, fehlt.
Manchmal werden alte Erinnerungen wach. Es kann sich retraumatisierend anfühlen.
Nicht selten entstehen dabei Schuldgefühle.
Gerade dann, wenn Sexualität gelebt wird, ohne dass die eigene Geschichte bewusst bearbeitet wurde.
Das Gefühl von Ekel bei Moral Injury
Ein Gefühl taucht dabei immer wieder auf, über das kaum gesprochen wird: Ekel.
Unter der Scham liegt oft der Ekel. Er richtet sich häufig gegen den eigenen Körper.
Berührung, Nähe zum eigenen Körper.
All das kann das Gefühl verstärken, als würde etwas wie Schmutz an einem haften, das sich einfach nicht abwaschen lässt.
Der Körper wird zu etwas Fremdem, zu einer Belastung.
Auch bei der moralischen Verletzung selbst spielt Ekel eine Rolle.
Wer etwas getan hat, das gegen den eigenen moralischen Kompass verstößt, entwickelt oft einen inneren Abstoß gegen sich selbst.
Ekel wird dann zu einer Art Grenze, etwas in einem stößt die eigene Tat ab, weil sie sich nicht zugehörig anfühlt. Wie ein Fremdkörper im eigenen System.
TCM – Magen | Milz
In der TCM lässt sich Ekel dem Funktionskreis Magen-Milz und dem Erdelement zuordnen.
Der Magen nimmt auf und stößt ab, die Milz transformiert und transportiert.
Beide bilden gemeinsam die Mitte. Sie sind zuständig für Verdauung im wörtlichen wie im übertragenen Sinn
Für das Verarbeiten dessen, was von außen kommt.
Ist diese Mitte aus dem Gleichgewicht, kann das Erlebte nicht mehr integriert werden.
Es wird zu viel, zu fremd, zu unverdaulich.
Auf die Sexualität übertragen bedeutet das: Ekel wird zum Schutzmechanismus.
Der Körper versucht, das Unverdauliche schnell wieder loszuwerden.
Das betrifft nicht nur penetrativen Sex, sondern jede Form von Nähe und Berührung.
Spirituelle Begleitung
Astrologisch
passt zu diesem Thema das Sternzeichen Jungfrau, zugeordnet dem sechsten Haus.
Beide stehen für Reinheit, Gründlichkeit, sachliche Distanz, als auch Körper, Gesundheit & Pflege.
Wird dieses Prinzip destruktiv gelebt, entsteht z.B.Pedanterie, eine übertriebene Genauigkeit, die in Kontrollzwang münden kann.
Gerade wenn es um die eigene Reinheit geht.
Hier zeigt sich eine interessante Verbindung zum Ekelgefühl.
Denn Kontrolle über sich und den eigenen Körper zu wollen, ist im Kern ja der Versuch, sich von etwas zu befreien.
Egal, ob das Ekelgefühl durch eigenes Handeln entstanden ist, durch Wegsehen, durch bloßes Zusehen oder durch sexuellen Missbrauch.
Der Ekel fühlt sich an wie ein Fremdkörper, etwas, das nicht zu einem gehört, und man möchte ihn loswerden.
Der Kontrollzwang ist dann der Versuch, sich davon reinzuwaschen. Doch gerade dieses Bedürfnis nach „Reinigung“ kann das Ekelgefühl noch verstärken.
Man versucht, etwas abzustoßen, das eigentlich gesehen werden möchte und je mehr man dagegen ankämpft, desto präsenter wird es.
Das jeweilige Chakra ist der Solarplexus. Auch hier zeigt sich wieder die Mitte und die Verbindung zum Verdauungstrakt.
Chiron,
den manche als Mitherrscher der Jungfrau neben Merkur sehen.
Chiron steht für die unheilbare Wunde, die jeder Mensch in sich trägt.
Nicht um sie zu reparieren, sondern um sie zu sehen und an ihr zu wachsen ein Leben lang.
Wer seinen Chart kennt, kann dort hinschauen:
Welches Haus liegt in der Jungfrau, wie ist das sechste Haus besetzt, wo steht Chiron, welche Aspekte verbinden sie miteinander?
Das kann ein Leitfaden sein um einen bewussteren Zugang zum eigenen Körper und sich selbst zu finden.
Auch Lilith gehört in dieses Bild.
Sie ist die ungezähmte Lebenskraft, das Begehren, der Instinkt, aber auch der Schatten.
Wird sie nicht gelebt, wird sie unterdrückt. So geht Lebensenergie verloren, die eben auch sexuelle Energie ist.
Lilith steht für Selbsttreue: für das Leben des eigenen Seins. Für das bewusste Hinschauen auf die eigene Geschichte.
Die moralische Verletzung ist im Kern ein Verrat an sich selbst. Der Weg zurück beginnt nicht mit Reparatur, sondern mit dem bewussten Hinschauen.
Das ist bereits Lebendigkeit. Das ist bereits Selbsttreue.
Die Wunde bleibt.
Aber das bedeutet nicht, dass der Kompass nicht wieder die richtige Richtung zeigen kann.
Die richtige Richtung für dich. Das ist Selbstermächtigung. Sie führt zurück zu den innersten Werten, mit denen wir schon geboren wurden.
Im nächsten Teil dieser Serie: Vergebung & Moral Injury


