Bist du dir deines Körpers wirklich bewusst?
Auf den ersten Blick klingt die Frage seltsam.
Natürlich spüren wir, dass wir sitzen, dass unsere Füße den Boden berühren, dass wir gerade ein Glas in der Hand halten.
Und doch läuft das meiste davon im Hintergrund ab, unbewusst, automatisiert.
Wie bewusst oder unbewusst, nehmen wir unseren Körper tatsächlich wahr?
Was hat das mit unserer Sexualität, unserer Gesundheit und unserer Fähigkeit zur Verbindung zu tun?
Warum wir unseren Körper unbewusst ausblenden
Vieles, was unser Körper tut und spürt, verarbeiten wir automatisch, ohne bewusst hinschauen zu müssen.
Das ist auch sehr sinnvoll, da wir sonst gar keine mentale Kapazität für den Alltag hätten.
Erst wenn etwas ungewohnt ist, etwa eine sehr heiße oder sehr kalte Flüssigkeit, schlägt der Körper Alarm und holt uns ins Bewusstsein zurück.
Dasselbe Prinzip gilt für Schmerz.
Wer mit chronischen Schmerzen lebt, entwickelt oft eine Art Gewöhnung.
Der Schmerz tritt in den Hintergrund, solange man in einer bestimmten Position verharrt.
Sobald man sich bewegt oder den Schmerz bewusst wahrnimmt, kehrt er verstärkt zurück.
Wir unterdrücken also unsere Körperempfindungen ganz automatisch, tagtäglich, oft ohne es zu merken.
Der Körper als Sprachrohr der Seele
Ein zentraler Gedanke:
Körperliche Beschwerden haben häufig eine seelische Ursache.
Wenn Herz, Körper und Geist nicht im Einklang sind, findet die Seele oft keinen anderen Weg, sich bemerkbar zu machen, als über den Körper.
Ein grippaler Infekt etwa kann wie ein erzwungener Stopp wirken, der Moment, in dem der Körper uns zur Ruhe zwingt, weil wir es selbst nicht geschafft haben.
Dieser Gedanke führt direkt zur Frage der Energie:
Wie ein Handy müssen auch wir uns regelmäßig „aufladen“.
Ohne Pause, ohne Rückzug, ohne Schlaf bleibt irgendwann nichts mehr übrig, um zu schaffen oder zu erschaffen.
Abends zur Ruhe kommen – ein Plädoyer für den Flugmodus
Handys abends bewusst weglegen, zum Beispiel ab 18 Uhr in den Flugmodus schalten.
Das erleichtert dem Körper die Melatoninbildung, das Einschlafen und auch das Träumen.
Ein Aspekt, der bei vielen Menschen durch permanente gedankliche Ablenkung ganz verloren geht.
Stattdessen empfiehlt es sich, den Tag gemeinsam zu verarbeiten, sei es im Gespräch mit der Familie oder beim Blick in den Sternenhimmel, dem ursprünglichsten aller Bildschirme.
Wer nachts unruhig ist, dem hilft es oft, diese Unruhe bewusst zu benennen:
aufschreiben, was genau man spürt – Kribbeln, unruhige Beine, ein diffuses inneres Getriebensein.
Auch das barfüßige Erkunden der eigenen Wohnung, das bewusste Spüren unterschiedlicher Bodenbeläge mit Füßen und Händen, kann helfen, wieder in Kontakt mit dem eigenen Körper zu kommen.
Von der Fußbodenübung zur Sexualität
Genau an solchen kleinen Alltagsbeobachtungen, etwa der überraschenden Erkenntnis, dass ein warmer statt erwarteter kalter Boden ein Gefühl von Kontrollverlust auslösen kann, lässt sich viel über die eigene Sexualität lernen.
Die gleichen Mechanismen von Erwartung, Kontrolle und Körperempfinden zeigen sich auch dort.
Es gibt Menschen, die insbesondere nach traumatischen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, im intimen Kontakt vor allem genitale Erregung spüren, aber kaum den restlichen Körper.
Beine, Arme und / oder Brust bleiben taub. Bei anderen ist es umgekehrt. Ein Zuviel an Empfindung, ein überreiztes Nervensystem, eine innere Getriebenheit, die es schwer macht, in der Verbindung zu bleiben. Beides, Taubheit wie Überreizung, kann dazu führen, dass man den intimen Moment eigentlich nur so schnell wie möglich beenden möchte, weil echte Verbundenheit fehlt.
Die Körperlandschaftskarte als Werkzeug
Ein praktisches Werkzeug ist die Körperlandschaftskarte.
Auf einer gezeichneten Körperumrisslinie hält man fest, wo man was spürt, was angenehm ist, was nicht, wo eventuell gar nichts wahrgenommen wird.
Aus dieser Landkarte heraus lässt sich gezielt daran arbeiten, verlorenes Körperempfinden zurückzugewinnen oder zu hinterfragen.
Warum sind bestimmte Berührungen unangenehm? Ist es reine Körperempfindung oder steckt mehr dahinter?
Wer sein eigenes Körperbewusstsein stärkt, verändert dabei auch seine Wahrnehmung des Gegenübers.
Man nimmt Energie anders wahr, reagiert sensibler auf Stimmungswechsel und wird selbst auch anders wahrgenommen.
Sexualität als Forschungsreise
Besonders am Anfang der eigenen Sexualität oder mit einem neuen Partner, einer neuen Partnerin, herrscht oft große Unsicherheit.
Auch wenn kaum jemand offen darüber spricht, Sexualität ist als eine gemeinsame Forschungsreise zu verstehen.
Erst körperliche Nähe erkunden, dann Küsse, verschiedene Techniken ausprobieren, sich Zeit lassen, bevor es überhaupt zu penetrativer Sexualität kommt.
Sicherheit auf beiden Seiten ist dabei die Grundvoraussetzung für echte Intimität und auch wunderschöne Orgasmen.
Alles andere kann letztlich nur Trieb- oder Energieabbau sein.
Digitale Reize versus echte Verbindung
Ein kritischer Blick fällt auf digitalen Konsum.
Pornografie oder stimulierende Bilder in sozialen Medien: Hier findet reiner Energieabbau statt, ohne echten körperlichen Kontakt und ohne Verbindung zu sich selbst.
Man trainiert Gehirn und Fantasie auf einen Bildschirm.
Projiziert Wünsche auf Personen, die man dort sieht und trennt sich dabei zunehmend von echtem Körper- und Herzempfinden.
Erregung wird dann an die mentale Fantasie gekoppelt statt an echte, verkörperte Präsenz. Ein Effekt, der sowohl Frauen als auch Männer betrifft.
Der kleine Tod als andere Bewusstseinsebene
Wer dagegen sein Körperbewusstsein pflegt und Sexualität als gemeinsames Erforschen begreift, kann den Orgasmus – den „kleinen Tod“ – als eine völlig andere Bewusstseinsebene erleben: als Moment der Herzöffnung, der Verbindung und sogar der Heilung.
Anders als reiner Triebabbau nimmt dieser Zustand keine Energie, sondern schenkt sie, als Schöpferkraft, die danach für neue Kreativität zur Verfügung steht.


